
In der langen Geschichte des Zusammenlebens von Tschechen, Juden und Deutschen in den Böhmischen Ländern hat es immer wieder nationalistische Kräfte gegeben, denen es nur darum ging, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Im November 1929 waren es deutsch-nationale Studenten, die gegen ihre politischen Widersacher und gegen jüdische Studenten hetzten und gegen diese Gewalt anwendeten.
Die Freie Vereinigung sozialistischer Akademiker und die Sozialdemokratische Studentengruppe reagierten hierauf mit einem Aufruf zur Gewaltlosigkeit und zu einer besseren Ausstattung der deutschen Hochschulen in der Tschechoslowakischen Republik.
Aufruf der sozialistischen Studenten
Die freie Vereinigung sozialistischer Akademiker und die sozialdemokratische Studentengruppe fordern ihre Mitglieder und Gesinnungsfreunde auf, in den kommenden Tagen sich keinesfalls von irgendwelcher Seite provozieren und zu keinen unüberlegten Schritten hinreißen zu lassen.
Die genannten Organisationen verurteilen die Ausschreitungen der völkischen Studentenschaft auf das allerschärfste, da sie berechtigte Forderungen der Studenten nach Beseitigung der Übelstände im Universitätsbetrieb und in Fragen der sozialen Fürsorgetätigkeit für die Verfolgung ihrer politischen Sonderziele ausnützen und mit den Mitteln brutaler Gewalt gegen ausländische und nichtarische Studenten durchsetzen wollen. Die Missstände, die durch die Überfüllung und hauptsächlich durch die unzureichenden Bauten und Einrichtungen hervorgerufen sind, können einzig und allein dadurch beseitigt werden, dass die Hochschulen in einem Maße ausgebaut werden, welches ihrer Bedeutung und den an sie gestellten Anforderungen in jeder Hinsicht entspricht. Die sozialen Fürsorgeeinrichtungen für die Studenten, insbesondere der deutschen Hochschulen, die bisher ihren Verpflichtungen in völlig unzulänglicher Weise nachkommen konnten, sind nur durch erhöhte staatliche Subventionen aus ihrer jetzigen schwierigen Situation zu befreien. Diesen Standpunkt haben wir seit jeher eingenommen, ihn vertreten wir auch heute.
Die rechtsradikale deutsche Studentenschaft hat sich in einer Resolution am Sonntag gegen den numerus clausus und gegen jedwede Gewaltanwendung erklärt. Die Ereignisse des heutigen Tages haben gezeigt, dass es ein Manöver war. Die Überfälle auf die nichtnationalen Hörer wurden zentral von der deutschen Studentenorganisation organisiert; die Stoßtrupps wurden aus dem Studentenheim in der Krakauer Gasse an die einzelnen Fakultäten geschickt. Es ist auch von der völkischen Studentenschaft zugestanden worden, dass sie die „Kundgebungen“ mit Überlegung veranstaltet hat. Das beweist auch der Umstand, dass die völkischen Studenten mit Kappe und Band, und bewaffnet mit Stöcken und Knüppeln, in den Vorlesungen erschienen. Für den geistigen und moralischen Tiefstand dieser Leute ist es bezeichnend, dass sie sich weigerten, sich zu legitimieren und mit ihrer Person für ihre Taten einzustehen.
Die Verantwortung für die Unruhen, welche eventuell noch fortdauern werden, fällt zur Gänze auf die völkische Studentenschaft, welche selbst dem Rektor der Technik gegenüber erklärte, jede Protestkundgebung gegen ihre Ausschreitungen zu sprengen.
Die sozialistischen Studenten werden nicht zögern, alle Mittel zu ergreifen, damit die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.
Prag, am 18. November 1929
Freie Vereinigung sozialistischer Akademiker
Sozialdemokratische Studentengruppe