„Unsere Verantwortung hört nicht auf“

Veröffentlicht am 07.02.2025 in Allgemein

.

„Unsere Verantwortung hört nicht auf“

Es geht um die Vermittlung der historischen Wahrheit, der unzweifelhaften Fakten, denen sich jede und jeder in unserem Land stellen muss

Unrecht nicht zu dulden, nie mehr wegzuschauen, Nein zu sagen, das muss uns heute Richtschnur sein, 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Gerade heute, wo Antisemitismus, Rechtsextremismus, völkisches Gedankengut, wo teils unverhohlene Menschenfeindlichkeit vielerorts eine erschreckende und alarmierende Normalisierung erfährt. Vor allem das Internet und soziale Netzwerke werden oft zu Durchlauferhitzern für extremistische Positionen, für Hass und Hetze – Hass, der nicht im Netz bleibt, sondern Bürgerinnen und Bürger, besonders oft Jüdinnen und Juden, real gefährdet.

Damit auch die nächsten Generationen, Kinder und Jugendliche von heute, die richtigen Schlüsse ziehen, gehört zur Vermittlung der historischen Fakten auch die Vermittlung von Empathie mit den Opfern. Das waren Menschen wie du und ich – auch um diese Einsicht muss es bei unserer Erinnerungsarbeit gehen.

Gerade heute dürfen und werden wir nicht zulassen, dass die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands langsam weggleiten oder weggeschoben werden – in das Ungefähre längst vergangener Zeiten. Wir dürfen und wir werden keine Relativierung hinnehmen, und wir werden auch jede neue Generation an ihre bleibende Verantwortung erinnern, eine Verantwortung, die jede und jeder in unserem Land trägt, unabhängig von der eigenen Familiengeschichte, unabhängig von Religion oder dem Geburtsort der Eltern oder Großeltern. Das ist die bleibende Herausforderung in unseren Schulen und Universitäten, in der Ausbildung, in Integrationskursen und im tagtäglichen Leben.

Es ist diese Hoffnung, die unsere Verfassung, geschrieben als Gegenentwurf zur Nazidiktatur, zur höchsten Verpflichtung des freien, demokratischen Deutschlands erklärt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Gerade heute – im Lichte von explodierendem Populismus und Nationalradikalismus, angesichts der Rufe nach brutalen Lösungen, angesichts immer schamloserer Versuche, rechtsextremistische Positionen zu normalisieren – dürfen wir darin keinen Millimeter zurückweichen. Ganz im Gegenteil: Stehen wir auf und wehren wir uns!

Nicht gleichgültig zu sein, das ist eine Staatsaufgabe. Das ist aber auch Bürgeraufgabe. Denn auch die Geschichte unseres demokratischen Staates zeigt, dass wir uns nie allein auf den Wortlaut unserer Verfassung verlassen dürfen. Unsere Demokratie brauchte und braucht Bürgerinnen und Bürger, die für sie einstehen, Bürgerinnen und Bürger, die immer wieder einfordern, dass die Prinzipien, auf denen unser Staat errichtet ist, auch tatsächlich gelten.

Unsere Verantwortung, 80 Jahre danach, ist es auch, diesem Hass zu widerstehen. Das ist Staatsaufgabe, das bleibt aber auch Bürgeraufgabe. Dazu sind in unserem demokratischen Land keine großen Heldentaten erforderlich. Dafür reicht Zivilcourage. Dafür genügen Respekt, Fairness und Rücksichtnahme im alltäglichen Umgang. Die beste Orientierung gibt der verstorbene Vater von Marcel Reif, den dieser im vergangenen Jahr so ergreifend im Bundestag zitierte: „Sei ein Mensch!“

 

aus: Bundeskanzler Olaf Scholz bei einer Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 80 Jahren und bei der Gedenkveranstaltung des Internationalen Auschwitzkomitees in Berlin (Text und Bild - Quelle: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kanzler-gedenkt-befreiung-von-auschwitz-2330876)

WebSozis

Soziserver - Webhosting von Sozis für Sozis WebSozis