„Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben sind wir da“
Es darf kein Ende des Erinnerns und damit auch kein Ende einer Erinnerungskultur geben
Vor acht Jahrzehnten endete der Zweite Weltkrieg, der Europa und die halbe Welt in Schutt und Asche versetzte. Nach zwölf Jahre Nationalsozialismus, nach Krieg und Schoa folgten die Befreiung der Konzentrationslager, der Sturz der braunen Barbarei und das Schweigen der Waffen. Wir erinnern uns in diesem Gedenkjahr 2025 auch an die kollektive Entrechtung der Sudetendeutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien und an deren Vertreibungen in den Jahren 1945/46.
Dieses heutige Gedenken dient den Opfern der Todesmärsche in Tachau berührt mich auch persönlich sehr. Zum einen, weil hier in Tachau meine beiden Eltern Hans und Marie Pfeil geboren wurden und bis zur Aussiedelung im Jahr 1946 lebten und mein Bruder noch am 10. Februar 1945 in der Hohen Wacht in Tachau geboren wurde.
Zum anderen, weil dieses Gedenken auch die damalige Situation, auch politische Situation, der hier lebenden Menschen widerspiegelt: Bei den Wahlen am 12. Juni 1938 erhielt in Tachau die Sudetendeutsche Partei (SdP) unter der Führerschaft des Gauleiters Heinlein 3694 Stimmen, die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei (DSAP) in der Tschechoslowakischen Republik kam nur auf 425 Stimmen, die Kommunistische Partei auf 58 Stimmen.
Im Bezirk Tachau mit seinen 40.400 Einwohnern lebten auch 311 jüdische Bürger. Ich zitiere aus einem Artikel des Bezirksrabbiners anlässlich der 600-Jahr-Feier Tachau im Jahr 1929 mit der Überschrift: „Die Heimatliebe der Tachauer Juden“: „Mit diesem idealen Bewusstsein feiert das Tachauer Judentum dieses seltene Jubiläum der sechshundertjährigen Heimatliebe, indem die Tachauer Juden nach wie vor den altklassischen Ausspruch von Sophokles befolgen „Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben sind wir da“. Das war im Jahr 1929.
Wenige Jahre später - in der Nacht des 10. November 1938 - wurde die Tachauer Synagoge in Brand gesetzt und die Feuerwehr, die helfen wollte, wurde daran gehindert, den Brand zu löschen. Am 27. Dezember 1938 wurden auch in Tachau die Nürnberger Gesetzte eingeführt. Aus Tachau flüchteten 250 Juden nach Amerika und England. Von den Verbliebenen kamen viele ums Leben.
In der Zeit vom Januar bis April 1945 zogen über das westböhmische Gebiet etliche Transporte von Kriegsgefangenen und vor allem Todesmärsche von KZ-Häftlingen. Der Vormarsch der Alliierten zwang die Nazis zur Ausräumung der Konzentrationslager, um die Spuren der dort begangenen Grausamkeiten an unschuldigen Menschen zu verwischen. Die Märsche zogen vor allem in Richtung des Konzentrationslagers Flossenbürg. Einkalkuliert war, dass viele der Häftlinge auf den Todesmärschen starben oder umgebracht wurden, wie die späteren Ausgrabungen ergeben haben.
Im Tachauer Kreis wurden 15 Massengräber entdeckt. Bei einem Großteil der gefundenen Leichen wurden der Tod durch Gewalteinwirkung festgestellt, in den meisten Fällen durch einen Schuss in den Hinterkopf. Die sterblichen Überreste von über 230 Menschen wurden im September 1946 hier auf dem Hügel in Tachau in ein Massengrab gelegt und ein Denkmal nach dem Entwurf des Maurermeisters Jan Kriz errichtet und MOHYLA genannt. Diese Gedenkstätte wurde am 16. Mai 1948 feierlich der Öffentlichkeit übergeben.
Ich danke der Stadt Tachau, die diese Gedenkstätte weiter aufrechterhält und pflegt, denn Gedenkstätten sind wichtig, um der Opfer zu gedenken aber auch wichtig für das Erinnern. Gerade im Gedenkjahr 2025 ist dieses Erinnern so wichtig, nicht nur um des Erinnerns wegen, sondern als ein Erinnern für die Gegenwart und für die Zukunft.
„Erinnerungskultur gehört zu einer demokratischen Geschichtskultur und ist Kern unseres demokratischen Zusammenlebens“, wie es Prof. Dr. Skriebeleit, der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, bei unserem deutsch-tschechischen Seminar vor zwei Wochen in Marienbad formulierte. Und ich ergänze: Es darf auch kein Ende des Erinnerns und damit einer Erinnerungskultur geben!
Als Seliger-Gemeinde, der Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“, wollen wir uns an diesem Ort auch erinnern, wie es Sozialdemokraten nach der Machergreifung hier in Tachau erging. Die Sozialdemokraten, darunter auch meine Eltern, wussten sehr wohl, was sie persönlich zu erwarten hatten und wohin die Ereignisse führen würden. Einige flohen in tschechische Gebiete, wollten also in Emigration gehen. Diese wurden jedoch nach der Mobilmachung durch die tschechische Regierung der Deutschen Wehrmacht übergeben, die sie mit einem LKW nach Tachau zurückbrachte. Dort wurden sie immer wieder verhört, und mancher kam nicht unbeschadet wieder zurück.
Dies waren 30 – 35 Tachauer Bürger, davon 20 – 25 Sozialdemokraten, 6 Kommunisten und einige jüdische Einwohner. Unter den verhafteten Personen war unter anderem auch mein Vater Johann Pfeil. Mein Vater verlor die Arbeitsstelle, weil er sich weigerte der Henlein-Partei beizutreten. Von der Gestapo verhaftet kam er vom Oktober bis Dezember 1938 in Schutzhaft in den Gefängnissen von Tachau, Weiden und Regensburg.
Zwölf Personen gelang die Flucht und sie gingen in die Emigration. Sie fanden in Schweden, Norwegen, England und Kanada Aufnahme.
An dieser Stelle darf ich auch den Heimatkreisbetreuer Dr. Hamperl erwähnen, der leider aus gesundheitlichen Gründen heute nicht anwesend sein kann, aber in vielen Publikationen unter anderem in „Vertreibung und Flucht aus dem Kreis Tachau im Egerland 1945 – 1948“ an die Tachauer Geschichte und viele persönliche Erlebnisse von Menschen erinnert.
Und er erinnerte mich in seiner gestrigen Mail auch an den neuen jüdischen Friedhof in Tachau, der nicht weit vom Stadtfriedhof entfernt liegt und in dem eine weitere Gedenkstätte zu finden ist für die Toten der mit der Eisenbahn nach Tachau transportierten Häftlinge aus dem KZ Buchenwald, die dort verbrannt wurden. Auch diesen Opfern des Nationalsozialismus wollen wir gedenken.
Die Erinnerung an die Ereignisse der Jahre 1945 und 1946 verpflichtet uns zu dreierlei:
1. Zu einer Erinnerungskultur, die dem Frieden dient
2. zum Kampf für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und gegen rechtes Gedankengut, Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit
3. sowie zu einem verstärkten Einsatz für ein geeintes Europa.
Denn, so wie es bereits Friedrich Ebert vor 100 Jahren formulierte „Demokratie braucht Demokraten“.
Beide Gedenkstätten sollen gerade im 80. Jahr des Kriegsendes mahnen und deutlich machen: Nie wieder!
Bundesvorsitzende Christa Naaß, MdL a.D., anläßlich der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Todesmärsche von 1945 am 26. April 2025 in Tachau/Tachov