Der Herd der Heimatlosen

Veröffentlicht am 21.04.2025 in Allgemein

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland im Januar 1933 und direkt einsetzenden Verfolgung von politischen Gegnern, setzte eine Fluchtbewegung ein. Viele Sozialdemokraten gelangten so zum Beispiel in die Tschechoslowakei. Aber wie lebten sie hier als Flüchtlinge? In den Zeitungen der sudetendeutschen Sozialdemokratie erschien im November der untenstehende Artikel, der sich mit dieser Frage befasste.

 

Freiheit 24.11.1933

Emigranten-Küche in Prag

Der Herd der Heimatlosen

                Nicht weit vom Karlsplatz in der Prager Neustadt kann man täglich um die Mittagszeit einen langen Menschenstrom durch ein Hoftor wandern sehen, Frauen und Männer, Alte und Junge, dürftig Gekleidete ohne Mantel und Hut neben anderen, die solche Ausrüstungsstücke noch auszuweisen haben. In einem düsteren, schmucklosen Saal erwartet sie ein einfaches Mittagsmahl.

                Die Dreihundert, die sich hier täglich versammeln, um ihren Eßnapf in Empfang zu nehmen, sind ein Teil jener Tausende, die der braune Terror aus Heimat und Familie, aus Wirkungs- und Freundeskreis, aus Arbeit und Wohnung vertrieben hat. Ein Teil jener Tausende, die der Führer ihrer mordsüchtigen Verfolger, die der Ehrenmann Adolf Hitler in seinen Rundfunkdarbietungen als „skrupellose Geschäftemacher“, als „ehrlose Defraudanten“ und „internationale Clique“ beschimpft – mit unverhohlener Wut darüber, dass ihm und seinen Räuberbanden diese Opfer entgangen und lebendige Zeugen gegen Betrug und Lüge der Hakenkreuztyrannen vorhanden sind.

                Es wäre leicht, einen wirksamen Vergleich anzustellen zwischen dem Leben im Braunen Haus, in der oberbayerischen Sommerresidenz. Im Reichskanzlerpalais, im Luxuszug, im bewimpelten Mercedes – und dem Schicksal dieser Menschen, die in einer fremden Stadt oft            zu fünft ein ungeheiztes Zimmer bewohnen  und in langer Reihe anstehen, um die Schüssel zu erhalten, die sie auf ein paar Stunden satt machen soll. Es wäre leicht, den Flüchtling Hermann Göring, der nach dem Münchener Putschabenteuer vor zehn Jahren über die Tiroler Grenze verschwand, um in Innsbruck und später in Stockholm das Leben eines verschwenderischen Weltmannes zu führen., mit diesen Flüchtlingen zu vergleichen, die dankbar für eine geliehene Zeitung und für eine gespendete Zigarette sind. Aber solch ein Vergleich würde nur etwas Selbstverständliches beweisen: dass Bestochene besser leben als Beraubte.

                Die dreihundert Schützlinge der Prager Hilfskomitees (die diese Emigrantenküche eingerichtet haben), wissen sich in ihr Schicksal zu fügen. Sie sprechen ohne Neid von den anderen Emigranten, die ihre Verpflegung selbst bezahlen können, weil sie etwas Besitz gerettet haben, weil sie Unterstützung bei Freunden oder Verwandten fanden, weil sie als tschechoslowakische Staatsbürger Arbeitsmöglichkeit hatten oder als Ausländer auf dem schmalen Feld der freien Berufe ein Fußbreit Bodens erobern konnten. Gewiss erzählen sie alle oft von dem, was sie verloren haben (bei manchen war es nur noch die Arbeitslosenunterstützung, bei anderen es ein Amt, ein Haus oder ein großer Wirkungskreis und bei allen war es die Heimat, die sie noch heute lieben, und heute sehnsüchtiger und entschlossener als je). Aber immer wieder weisen sie sich auf das hin, was sie gerettet haben: das Leben, das man ihnen in SA-Kasernen aus dem Leibe prügeln oder in Konzentrationslagern zur Hölle machen wollte, und die Ehre, die mit Freiheit und Gesinnungstreue gleichbedeutend ist und von der die Nazibonzen alle Tage aufgeregt im Lautsprecher zu dem Volke reden, das sie durch Versklavung, Misshandlung und Gleichschaltung so abgrundtief vor aller Welt geschändet haben.

                Man sieht den heimatlosen Menschen, die sich hier zur Essenszeit zusammenfinden, wohl seelische und körperliche Entbehrungen an – aber es ist kein Haufen Hoffnungsloser, es ist

eine Gemeinschaft, die den Sinn ihres Schicksals kennt und entschlossen ist, in dem düsteren Raum zwischen verstörtet Vergangenheit und erstrebter Zukunft nicht unterzugehen.

Und wenn ihre Gedanken und Gespräche zu den Freunden in der Heimat wandern, die heute in Kerkern stöhnen, die gehetzt und umlauert sind bei jedem Schritt, die mit zusammengebissenen Zähnen die eine Hand emporstrecken und die anderen zum Racheschwurballen, dann wissen sie, dass sie von dem Volke, dem sie angehören und für dessen Freiheit sie kämpfen, zwar entfernt, aber nicht getrennt sind. Und dass ihr freudloses Dasein in der Fremde nicht ohne Ziel und ohne Zukunft ist.

                Am schwersten fällt es den meisten von ihnen, ausgesperrt von jeder regelmäßigen Arbeit, angewiesen auf fremde Hilfe und Gastfreundschaft zu sein. Und es ist ihnen ein Trost, dass wenigstens der Betrieb dieser Hinterhausküche ein Produkt eigener Arbeit ist. Stolz zeigen die unermüdlichen Köche die Brandwunden, die sie sich bei ihrem Werk am Suppenkessel geholt haben, ernst und pflichtbewusst führt der Vorsitzende Buch über jeden der dreihundert Stammgäste – und keiner meidet den Anblick der Wandtafel, auf der die Nummern derer verzeichnet sind, die sich am kommenden Tage zum Küchendienst einzufinden haben. Es ist keine leichte und für viele eine recht ungewohnte Arbeit, für einen solchen Massenbetrieb Kartoffeln zu schälen oder aus einem freundlich gespendeten Sack Erbsen die ungenießbaren auszusondern. Aber es ist immerhin Arbeit – und es nehmen Tag für Tag viele an ihr teil, die gar nicht an der Reihe sind. „Man hat doch etwas zu tun“ sagen sie – und man sitzt beisammen und summt die alten Kampfmelodien, die drüben in der zertretenen Heimat von den braunen Banditen für ihre Mörderwerke gestohlen worden sind, die aber doch eines Tages wieder mit den alten Worten und mit neuer Wucht erklingen werden.

-eis.-

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