Das elfte Gebot: „Du sollst nicht gleichgültig sein“

Veröffentlicht am 29.04.2025 in Allgemein

Das elfte Gebot: „Du sollst nicht gleichgültig sein“

Weit über 30.000 Menschen wurden in den Jahren 1938-1945 hier und in den Außenlagern von Nazis ermordet. Es war eine planmäßige, fabrikmäßig organisierte Vernichtung von Menschen. Und dies geschah nicht hinter verschlossenen Türen – es geschah am helllichten Tage. Jeder konnte es wissen.

Das bis dahin Undenkbare ist geschehen. Und um es mit Primo Levi zu sagen – es kann wieder geschehen. Jeder zehnte junge Mensch in Deutschland kann mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen; wie es mit Flossenbürg ist, wage ich nicht zu beurteilen.  Wie viele es in Tschechien sind, weiß ich nicht, aber die Organisation Post Bellum stellte fest, dass 60% der tschechischen jungen Leute nichts von Ereignissen des Jahres 1938 wissen. Und ganz aktuell: die Zahl rechtsextremer Straftaten an deutschen Schulen steigt an wie noch nie zuvor.

Daher ist es an uns und auch an solchen Veranstaltungen, Zeichen zu setzen. Die Erinnerung lebendig halten, aufmerksam und wachsam sein, sind unsere Aufgaben. Und deshalb muss es auch eine Pflichtveranstaltung – und nicht nur eine Empfehlung - für die Schülerschaft in ganz Deutschland sein, einmal in ihrem Schulleben eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Das erfordert selbstverständlich von Lehrerschaft und Schulleitungen eine intensive Vor- und Nachbereitung zu der Thematik, und nicht einfach die Haltung “Wir fahren hin, weil’s vorgeschrieben ist“. Und…., weil auch manche muslimische Schüler die Shoah für richtig halten und Freude darüber zeigen, bei Nennung der Opferzahlen, wie in Wiesbaden vorgekommen….. Und rechtsgerichtete Jugendliche in Buchenwald Nazi-Parolen grölen und die Gedächtnisstätte schänden. Dagegenhalten fordert Mut und Engagement von Einzelnen, damit es nicht wieder geschieht.

Flossenbürg hatte etwa 80 Außenlager, viele davon im ehemaligen Sudetenland, in Welboth bei Hertine unweit von Teplitz und bei Leitmeritz. Hier wurde Dietrich Bonhoeffer ermordet. Wilhelm Canaris, Kurt Schumacher und Josef Müller waren hier inhaftiert wie über 100.000 andere Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Journalisten, Künstler, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, Theologen, Juristen, Kaufleute, Politiker und auch ganz einfache Menschen.

In der Munitionsfabrik Dynamit Nobel in Welboth war meine Tante Ilse. Sie gehörte zu den „blauen Frauen“, wie sie genannt wurden, weil sie bei der Munitionsherstellung Gifte einatmeten. Sie überlebte. Die „blauen Frauen“, vorwiegend aus Weißrussland und Ungarn, halfen meinem Großvater auf dem Feld. Er gab ihnen zu essen, am gleichen Tisch in der Familie – das missfiel den Nazis. Aber die Frauen „schützten“ Mutters Familie später vor den Russen.  In Leitmeritz, im Stollen Richard II, war mein Onkel Emil, weil er Radio BBC hörte. Er half im Herbst 44 russischen Gefangenen bei der Flucht, wurde denunziert, musste dann an die Ostfront, und im Juni 1945 wurde er von tschechischen Revolutionsgarden auf dem Gebiet der Welbother Munitionsfabrik misshandelt und ermordet. Solche Schicksale gab es zu 100.000en – wahrscheinlich millionenfach. Diese Menschen haben Mut bewiesen in den schlimmsten Zeiten.

Vor vier Wochen wurde bei uns in Wiesbaden der 93-jährige Bogdan Bartnikowski mit der silbernen Bürgermedaille ausgezeichnet. Er kam mit 12 Jahren nach Auschwitz und blieb dort bis zur Befreiung. Er ist noch einer der wenigen Überlebenden und berichtet seit vielen Jahren regelmäßig an Schulen in Deutschland über das Grauen und das Überleben in Auschwitz. Es wird nicht mehr lange dauern, das sollte uns bewusst sein, dann wird es diese Zeitzeugen nicht mehr geben.

Marian Turski, der Präsident des Auschwitz-Komitees hielt aus Anlass der 80sten Wiederkehr der Befreiung von Auschwitz eine außergewöhnliche Rede. Drei Wochen danach, am 18. Februar ist Marian Turski verstorben. In seiner Rede mahnte er: „Unsere Tage, die der Überlebenden, sind gezählt: Aber wir werden nicht verstummen, wenn Sie, Sie alle, nicht schweigen“. Er mahnte, als elftes Gebot: „Du sollst nicht gleichgültig sein“.

Dies sollten wir uns stets bewusst machen. Gerade in Zeiten, wenn Wahlkämpfer vom rechten Mob auf offener Straße angegriffen werden, wenn sich Jüdinnen und Juden nicht mehr sicher in Deutschland fühlen, wenn eine Partei, die in weiten Teilen rechtsextrem ist, bundesweit von über 20 % der Deutschen gewählt wird. Dann dürfen wir alle nicht gleichgültig sein. Damit es nie wieder geschieht.

 

Helena Päßler – Bundesvorsitzende der Seliger-Gemeinde anläßlich der Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte KZ Flossenbürg am 26.4.2025

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